Vorbildlich Traditionsreich ...
„Nur wenn wir neue Ideen entwickeln, können wir unsere Weintradition zeitgemäß fortführen.“ Dieter Greiner, Leiter der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach
Mit den Staatsweingütern Kloster Eberbach betreibt das Land Hessen das größte Weingut Deutschlands. Sechs Domainen mit drei Kellereien und insgesamt rund 200 Hektar Weinbaufläche umfasst der Landesbetrieb. Die Güter erstrecken sich von Assmannshausen im Westen des Rheingaus über Rüdesheim, Steinberg, Rauenthal bis Hochheim und die Domaine in Bensheim an der Hessischen Bergstraße. Hauptsitz der Hessischen Staatsweingüter ist die Stadt Eltville im Rheingau.
Die verbrieften Aufgaben der Hessischen Staatsweingüter ist das Finden von neuen Wegen in Weinbau, Keller-wirtschaft und Vermarktung. An derMusterfunktion des Staatsbetriebes hat sich in den vergangenen 850 Jahren wenig geändert. Allerdings mögen die Zöglinge des Heiligen St. Bernhard von Clairvaux kaum geahnt haben, dass aus ihrer Abtei einmal die Institution für Weinbau erwachsen würde, als sich die Zisterziensermönche anno 1136 in dem beschaulichen Waldtal des Kisselbaches niederließen.
Vom Klosterelexier... zur Staatsaffäre
Mit dem Gold des Rheingaus haben die Bewohner Besitztümer erwirtschaftet, Kriege bezahlt und ihr Leben gerettet.
Augustiner- und Benediktinermönche führten für wenige Jahre ihr asketisches Leben in dem entlegenen Tal, bevor die Zisterzienser hier im frühen 12. Jahrhundert den Grundstein für eine blühende Klosterkultur legten. Aus dem französischen Mutterkloster Clairvaux brachten Bernhard und seine zwölf Mitbrüder vermutlich jene Reben mit, die den Grundstock klösterlicher Wirtschaftsgeschichte im Rheingau bilden sollten. Das Gold des Rheingaus, den Wein, wussten die arbeitsamen Mönche nicht nur zu entdecken, sondern auch zu mehren. Aus der ursprünglichen Absicht, eigenen Messwein zu erzeugen, entwickelte sich der Wein rasch zu einem erstrangigen Handelsgut. In seiner Blütezeit verwaltete das Kloster 205 Außenstationen, Gutshöfe und Kellereien von Köln bis Worms und betrieb gar eigene Schiffe auf dem Rhein.
Zeigten die Zisterzienser sich als „Goldgräber“ äußerst erfolgreich, so bewiesen sie gleichsam als „Juweliere“ ihr besonderes Können. Aus dem edlen Rohstoff, der Rebe, gewannen die Eberbacher Mönche funkelnde, genussreiche Kreszenzen. In der klösterlichen Weinwirtschaft verband sich der Fleiß der Ordensbrüder mit einem seinerzeit unbekannten systematischen Qualitätsstreben: Durch Kauf und Tausch erschlossen sich die Zisterzienser beste
Weinbergslagen. Die Einhaltung von Lesebestimmungen garantierte die Güte der Trauben und die Weinbehandlung in den Eberbacher Kellern erfolgte nach Methoden, wie sie bis in unsere Zeit angewandt werden.
Mit der Säkularisation von 1803 endete das Klosterleben im Rheingau, nicht aber die Weinkultur der Zisterzienser. Die beispielgebende Weinbautradition, die unter den Kreuzgewölben ihren Anfang nahm, hat bis heute ihre Fortsetzung gefunden. Alle weltlichen Nachfolger - zunächst der Herzog von Nassau, ab 1866 das Königreich Preußen und seit 1945 das Land Hessen – wahrten das Eberbacher Erbe. Ja, sie bauten es aus. Bereits kurz nach der Übernahme durch das Fürstentum Nassau-Usingen wurde die zukunftsweisende Verkaufsstruktur der öffentlichen Weinversteigerungen eingeführt. Die Frühjahrs- und Herbstauktionen der Hessischen Staatsweingüter zählen bis heute zu den Glanzlichtern des Weinjahres. In der Preußen-Ära setzten die staatlichen Domainen in Form von Musterbetrieben Maßstäbe bei der Lösung von Weinbauproblemen und der Erzeugung von Spitzenweinen. Diesem Anspruch haben sich die Hessischen Staatsweingüter bis heute und auch für die Zukunft verpflichtet.
Auf dem Boden der Tatsachen
Landschaften prägen Charaktere von Menschen ebenso wie die des Weines.
Rasch erwärmbare Phyllitschiefer verleihen dem „Assmannshäuser Höllenberg“ dezente Säure. Ein „Heppenheimer Centgericht“ erhält seine reiche Geschmacksstruktur durch tiefgründige Lößböden. Dank verschiedenster geologischer Voraussetzungen vermag kaum ein Weingut die gebietstypischen Charaktere seiner Gewächse eindrucksvoller zu demonstrieren als die Hessischen Staatsweingüter. Nach einheitlichen Regeln des Qualitätsweinbaus erzeugen die sechs Domainen von Assmannshausen bis zur Hessischen Bergstraße Weine, deren Identität eindeutig ihre Herkunft wiederspiegeln.
Weinkenner sprechen von „Terroir“ und meinen damit jenes einzigartige Zusammenspiel von Boden, Lage und Mikroklima, das dem Wein seine unverwechselbare Persönlichkeit verleiht.
Das Potential der Weinberge entfaltet sich jedoch erst durch die Hand des Winzers in Verbindung mit geeigneten Rebsorten. In den Toplagen der Hessischen Staatsweingüter wächst überwiegend
Riesling. Die edelste der Weißweinsorten ermöglicht durch lange Reifezeit bis hin zur Edelfäule das Erzeugen von trockenen und edelsüßen Spitzenweinen. Ihre legendäre Rotweintradition pflegen die Staatsweingüter mit dem Anbau Blauer Spätburgundertrauben in den Steillagen von Assmannshausen. Der Aristokrat unter den Rotweinen besticht mit seinen terroirbetonten Aromen selbst die Gaumen international verwöhnter Weingenießer.
Die Intuition des Winzers macht den Dialog von Terroir und Trauben perfekt. Erst in der Balance natürlicher Ressourcen und persönlicher Kompetenz entstehen jene großen Weine, denen Klassifizierungen wie „Erstes Gewächs“ oder „Selection“ zustehen.
Ein echtes "Cabinetstück"
Nur die edelsten Gewächse des Gutes erhalten das Vorrecht, als Cabinetwein zu gelten.
Der Weg zu den Sternen führt in den Keller. Das wussten schon die Weinpioniere von Kloster Eberbach. Für ihre kostbarsten Kreszenzen richteten die Zisterzienser eigens eine Weinschatzkammer ein. Auf einer Rechnung eines Eltviller Zimmermanns aus dem Jahr 1730 findet ein „cabernedt keller“ erstmals Erwähnung. In dem Gewölbe lagerten Weine vom Status einer Riserva aus den besten Jahrgängen und wertvollsten Lagen der klösterlichen Weinberge.
Zwischen 6 und 28 Jahren ruhten die erlesenen Weine im Schatzkeller der Abtei. Bot man sie nach langer Lagerdauer zum Kauf an, so erzielten die vinologischen Kostbarkeiten mit dem Zusatzprädikat „Cabinet“ auf dem Weinmarkt Spitzenpreise. Als Beispiel für den Wertzuwachs sei ein 1748er Rheingauer Riesling angeführt. Lag der ursprüngliche Herbstpreis eines solchen Stückfasses bei rund 300 Gulden, so brachte es nach mehrjähriger Lagerung im Cabinet 700 bis 1000 Gulden.Der Cabinet-Keller von Kloster Eberbach gilt damit als Geburtsstätte für die Prädikatsstufe „Kabinett“. Auf den Etiketten deutscher Weinflaschen dokumentiert diese Bezeichnung bis in unsere Zeit eine besondere Qualität und verheißt dem Genießer einen feingliedrigen, eleganten Wein mit meist geringem Alkoholgehalt.
Nach jahrhundertealtem Brauch pflegen die Staatsweingüter Kloster Eberbach heute wieder die historische Cabinet-Tradition der Abtei. So verzeichnen die Kellerbücher nicht nur Flaschenweine in den Schatzkammern des Gutes. Wie zu den Zeiten des aktiven Klosterlebens reifen im Cabinet-Keller von Kloster Eberbach wertvollste Weine in edlen Eichenfässern.
Der Lieblingsweinberg der Mönche und andere grosse Lagen
In den Rieslingdomainen Steinberg, Hochheim und Rauenthal brilliert die anspruchsvollste der weißen Rebsorten.
„Der Name des Herrn sei gepriesen, und es blühe der Steinberg.“ Ein Eintrag im Herbstbericht anno 1762 kündet von der Wertschätzung, welche die Zisterzienser ihrem Hausberg entgegenbrachten. In unmittelbarer Klosternähe gelegen, gehört der Steinberg zu den ältesten und ersten Lagen der Hessischen Staatsweingüter. Auf Auktionen erzielen Steinberger Gewächse immer wieder Rekordergebnisse. Beeindruckendes Merkmal und einzig in Deutschland ist eine 3000 Meter lange Bruchsteinmauer, welche den Weinberg umgibt. Einst als Sicherung vor Traubendieben errichtet, bietet die Mauer heute Schutz vor Kaltlufteinbrüchen und sorgt damit für ein mildes Mikroklima im Steinberg. Auf rund 33 Hektar wachsen Rieslingweine heran, die in Rasse und Frucht Ihresgleichen suchen.
Zu der Staatsdomaine Hattenheim, die insgesamt knapp 50 Hektar Rebfläche bewirtschaftet, gehören weitere renommierte Lagen wie der Hattenheimer Engelmannsberg, der Erbacher Siegelsberg oder der legendäre Erbacher Marcobrunn, eine der besten Lagen des Rheingaus. Baiken, Gehrn und Wülfen heißen die Weinbergslagen, deren Namen bei Rieslingkennern spontane Begeisterung auslösen. In besten Halbhöhenlagen erzeugt die Staatsdomaine Rauenthal Spitzenweine von eleganter Würze und terroirbetonter Finesse. Die edlen Tropfen mögen schon ehedem in den preußischen Amtsstuben Begehrlichkeit geweckt haben. Im Jahre 1900 erwarb der Königlich Preußische Staat die hochwertigen Lagen im Rauenthaler Berg. Durch planmäßiges Arrondieren und großzügige Investitionen wurde dieser junge Außenbetrieb der Hessischen Staatsweingüter zu einem 47 Hektar großen, blühenden Weingut ausgebaut.
In Hochheim am Main befand sich bis 2006 die kleine aber feine Staatsdomaine Schloss Hochheim. Während ihrer fast 800-jährigen Geschichte ging die Domaine 1273 in den Besitz des Mainzer Domkapitels über. Aus jener Ära stammen die Weingärten „Domdechaney“. Sie bezeichnen die bekannteste Hochheimer Lage und die zugleich größte zusammenhängende Rebfläche des 17 Hektar großen Staatsweingutes. Auf den tonreichen Mergelböden der Lagen Domdechaney und Kirchenstück wachsen kraftvolle und körperreiche Weine von bester Qualität.
Architektonische Weinlandschaft
Eindrucksvoll wie die Rebhänge, in denen sie wachsen: Die Weine der Steillagen von Assmannshausen und Rüdesheim.
Im Mündungsdreieck der Nahe, just dort, wo Vater Rhein sich anschickt, das Mittelgebirge wieder gen Norden hin zu durchschneiden, wandelt sich das Landschaftsbild. Das breite Flusstal verjüngt sich. Unmittelbar vom Ufer aus steigen die Weinberge steil an. Stützmauern und Treppen formen eine kunstvoll, pittoreske Terrassenlandschaft. Die gebändigten Berghänge lassen erahnen, wieviel Mühe der Weinbau hier macht. Das Ergebnis lohnt den Aufwand. In den Steillagen von Rüdesheim und Assmannshausen ernten die Hessischen Staatsweingüter einzigartige Weine.
Entlang der Rheinfront, vom westlichen Rand der Stadt Rüdesheim bis zu der erhabenen Burgruine Ehrenfels, erstrecken sich die Renommierlagen des sogenannten „Rüdesheimer Berges“. Auf „Rottland“, „Roseneck“ und „Schlossberg“ verteilt sich das Gros der 23 Hektar großen Rebfläche, welche die Staatsdomaine Rüdesheim bewirtschaftet. In den bis zu 75 Prozent steilen Südhängen gedeihen unter intensiver Sonneneinstrahlung ausgesprochen fruchtige Weine mit harmonischer Rieslingsäure.Einzig und allein dem Spätburgunder hat sich die Staatsdomaine Assmannshausen verschrieben. Auf den Südwesthängen des „Höllenberg“ wächst der Edelmann unter den Rotweinen, der in seiner Qualität von keinem anderen deutschen Rotwein erreicht wird. Wen wundert es, dass bei so etwas Feinem wieder die Eberbacher Mönche ihre Hand im Spiel hatten. Die erste Nachricht über den Anbau des
„Klebrot“, ein im Rheingau gebräuchliches Synonym für die Rebsorte Spätburgunder, meldete das Nonnenkloster Marienhausen, welches der Abtei Eberbach unterstellt war. So geschehen anno 1507, währenddessen Rebstöcke auf den Hängen des Höllenberg schon nachweislich seit Beginn des 12. Jahrhunderts angebaut wurden.
Die Rotweinbereitung der Domaine Assmannshausen erfolgt im traditionellen Stil. Voraussetzung eines edlen Spätburgunders sind vollreife, gesunde Trauben, die auf der 23 Hektar großen Rebfläche ausschließlich in Steillagen gewonnen werden. Das Lesegut wird in der gutseigenen Kellerei äußerst schonend weiterverarbeitet. In Eichenholzfässern reifen die Rotweine anschließend zu geschmacklicher Harmonie und Bekömmlichkeit heran. Ergebnis sorgfältiger Weinerzeugung ist ein rubinroter, bukettbetonter „Assmannshäuser“. Die Zunge des kultivierten Genießers schmeckt feine bittere Mandeln und samtene Frucht.
Weine aus "Deutschlands Frühlingsgarten"Von der Sonne verwöhnt reifen Riesling und andere traditionelle Kulturrebsorten an der Hessischen Bergstraße zu Spitzengewächsen.
An der Hessischen Bergstraße beginnt der Frühling ein wenig früher und die herbstliche Sonnenwärme bleibt ein bisschen länger erhalten als in anderen deutschen Weinbauregionen. Inmitten des 450 Hektar kleinen, klimabegünstigten Anbaugebietes, im Schutz des Odenwalds, liegt die Staatsdomaine Bergstraße in Bensheim. Wo Mandelbäume und Blütenpracht toskanisches Flair verbreiten, gedeihen anspruchsvolle Weinreben vorzüglich. Gleichzeitig bringt die Vielfalt an Bodentypen eine Vielzahl von Rebsorten und Geschmacksvarianten hervor. In den Toplagen der Staatsdomaine, dem Heppenheimer Centgericht, Steinkopf oder Schönberger Herrnwingert, wachsen neben dem dominierenden Riesling vorwiegend Grau-, Weiß- und Spätburgunder.
Das 1904 vom Großherzog von Hessen-Darmstadt gegründete Weingut erweiterte in seiner rund einhundertjährigen Geschichte die Rebflächen auf 38 Hektar. Die Staatsdomaine ist damit das größte Gut an der Bergstraße. Wie es von einem mit Vorbildfunktion beauftragten Betrieb erwartet werden darf, gibt das Weingut seit Jahren Impulse für den hiesigen Weinbau. Dass in Bensheim die erste Beerenauslese und der erste Eiswein an der Bergstraße erzielt werden konnten, ist als Resultat vorbildlicher Weinbergspflege und Kellerwirtschaft zu werten. Auch in puncto Weinvermarktung beschritt die Domaine neue Wege. Im gutseigenen Versteigerungssaal werden alljährlich die inzwischen traditionellen Herbstauktionen ausgerichtet. Sie setzen Maßstäbe für Qualität und Preise der Bergsträßer Gewächse.

























